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Negativitäts Bias: Warum ein einziger blöder Satz stärker wirkt als zehn nette

Ein kritischer Gedanke bleibt länger haften als ein gutes Wort
Ein kritischer Gedanke bleibt länger haften als ein gutes Wort

Negative Gedanken verstehen

Du kennst das wahrscheinlich: Zehn Menschen sagen dir, wie schön, klar oder stimmig etwas war. Dann kommt eine Person mit einem schrägen Kommentar. Zack. Der bleibt hängen! Die zehn Komplimente sind plötzlich nicht mehr relevant. Auch nicht das ehrliche Lächeln. Ebenso nicht die wohlwollende Resonanz. Nein, es ist dieser eine Satz, der sich in deinem Gehirn festsetzt. Ich bin sicher, auch du kennst solche Begebenheiten. Falls du dich dabei ertappt fühlst: Du bist weder empfindlich noch undankbar noch dramatisch. Du bist einfach ein Mensch mit einem sehr gut funktionierenden Gehirn!


Das Phänomen hat einen Namen

Die Psychologie nennt es Negativitäts Bias. Kurz gesagt bedeutet das folgendes: Unser Gehirn reagiert stärker, schneller und nachhaltiger auf negative Reize als auf positive. Warum? Weil unser Gehirn nicht primär dafür gebaut wurde, uns glücklich zu machen, sondern dafür, uns am Leben zu halten. In der Evolution war es deutlich hilfreicher, sich an den Säbelzahntiger und die Gefahr zu erinnern als an den schönen Sonnenuntergang danach.


Kritik fühlt sich gefährlicher an als Lob

Wenn wir kritisiert werden, auch subtil oder freundlich verpackt, passiert im Körper mehr, als wir bewusst wahrnehmen. Bestimmte Hirnregionen, die mit Alarm, Aufmerksamkeit und Schutz zu tun haben, werden aktiv. Der Körper schaltet minimal in Bereitschaft. Nicht Kampf oder Flucht. Es ist eher ein inneres Zusammenziehen.

Lob hingegen ist angenehm. Aber es ist nicht bedrohlich. Und was nicht bedrohlich ist, darf das Gehirn schneller wieder loslassen. Übersetzt heisst das: Eine Beleidigung kann dich jahrelang begleiten! Bleibt unvergessen. Ein Lob hingegen verblasst oft schon nach wenigen Stunden, nach Tagen oder Wochen. Nicht, weil das Lob unwichtig war, sondern weil dein Gehirn sagt: Alles gut. Kein Handlungsbedarf.


Medien nutzen diese Erkenntnis

Negative Schlagzeilen funktionieren sehr gut. Nicht, weil Menschen Drama lieben, sondern weil unser Gehirn darauf anspringt. Empörende News, Skandale und Warnungen aktivieren automatisch unsere Aufmerksamkeit. Nicht aus Neugier, sondern aus Vorsicht. Unser Nervensystem ist darauf trainiert, mögliche Gefahren schneller zu prüfen als gute Nachrichten. Das ist kein Zufall und auch keine Manipulation im engeren Sinn. Es ist eine bekannte neuropsychologische Dynamik, die Medien sehr gut kennen und nutzen. Gleichzeitig wird dieses Phänomen im Alltag oft missverstanden, denn viele Menschen machen daraus ein Persönlichkeitsproblem. Sätze wie „Du bist halt sensibel“ oder „Du nimmst dir alles zu Herzen“ fallen schnell. Auch anderes wird dann gern als Charakterschwäche gedeutet. Dabei ist es schlicht Biologie. Wichtig ist nur, einen entscheidenden Unterschied zu kennen und zwar zwischen der automatischen Reaktion des Gehirns und der bewussten inneren Haltung. Die automatische Reaktion geschieht ohne unser Zutun. Die innere Haltung hingegen ist gestaltbar.

Und genau dort beginnt Selbstwirksamkeit!


Was wirklich hilft

Nicht positives Denken um jeden Preis. Nicht toxische gute Laune. Nicht sich selbst belehren. Etwas viel Einfacheres und Wirksameres: Bewusstes Verweilen bei dem, was gut war. Ein paar Sekunden länger. Ein paar Atemzüge mehr.


Wenn dich also jemand ehrlich lobt, dann geh nicht sofort weiter. Bleib gedanklich dort kurz stehen. Spür den Satz nochmals bewusst und lass ihn bei dir ankommen. Dein Gehirn braucht Wiederholung, um Neues zu lernen. Auch Gutes. Man könnte sagen: Du musst dem Lob nur ein bisschen Nachhilfe geben.

Ich habe mir angewöhnt, bei innerem Grübeln manchmal zu denken: "Aha. Mein Urzeitgehirn meldet sich wieder. Danke für den Hinweis". Das entspannt mich und bringt Abstand. Nicht alles, was sich dramatisch anfühlt, ist auch dramatisch. Manches ist einfach ein Wächter aus alten Zeiten.


Vielleicht ist dieser Gedanke der wichtigste: Es ist verständlich, dass dich Kritik trifft, aber es bedeutet nicht, dass du labil bist. Es bedeutet, dass dein Nervensystem aufmerksam ist und dass es so arbeitet, wie es die Evolution vorgesehen hat. Aufmerksamkeit braucht nur Führung! Je bewusster wir verstehen, wie wir selbst funktionieren, desto weniger müssen wir gegen uns selbst kämpfen oder uns selbst belügen. Und desto mehr können wir wählen, wem oder was wir innerlich Raum geben.


Dein Gehirn folgt einem uralten Schutzimpuls
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Wer das Thema wissenschaftlich fundiert, aber gut verständlich vertiefen möchte, dem empfehle ich diesen deutschsprachigen Artikel:

Sachlich, differenziert und wohltuend frei von Pop Psychologie.


 
 
 

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